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Ein Jahrzehnte umspannender Roman auf 400 leicht lesbaren Seiten, ein Pulitzer-Preis für eine bis dato nur New Yorker Insidern bekannte Autorin: Jennifer Egans „Der größere Teil der Welt“ ist ein ganz großer Wurf geworden. Mit ihrer humorvollen, gnadenlosen Analyse der Zeitenwende, die wir mit dem Aufkommen digitaler Technik erleben und ihrer Umsetzung ebendieses neuen Lebensgefühls in einen unglaublich freien Gebrauch von Erzählformen und Perspektiven von Kapitel zu Kapitel lässt sie den Leser atemlos zurück.

Musikbusiness analog vs. digital
Da sind wir in einem Kapitel, das aus der der Sicht der Musikbiz-Angestellten Sasha Anfang der 2000er, als nächstes in der Jugend ihres Bosses Ende der 70er-Jahre in der Punkszene San Franciscos. Dann auf einmal wird einem „Du“ die Geschichte erzählt, ohne dass ein „Ich“ sichtbar wird, aus ein paar Hinweisen auf erste E-Mails können wir eine Einordnung Ende der 80er oder Anfang der 90er-Jahre wagen. Dann lesen wir einen Artikel eines Journalisten, der nicht nur sein Interview mit einer Schauspielerin beschreibt, sondern auch seinen Versuch, sie zu vergewaltigen. Aus dem Gefängnis als Verurteilter heraus geschrieben!

Alle Seelen sind verkauft
Richtig absurd wird es im letzten Viertel des Buches, in dem wir das Slideshow-Tagebuch (sic!) der pubertierenden Tochter Sashas lesen und ganz am Ende finden wir uns gar einige Jahre in die Zukunft versetzt, in einem durch alle Lebensbereiche durchdringendes Marketing, digitale Technik und relativistischen Ethikverdruss komplett degenerierten New York. Das schockierende der Geschichte ist dabei, das Egan aus einer kühlen Distanz agiert und fähig ist, sich über die Nostalgie ihrer alternden Figuren fast demütigend zu beschreiben. Gleichzeitig vermittelt sie jedoch eine ehrliche Angst, dass das, was hier gerade passiert, uns den letzten Hauch einer Seele raubt, dass wir auf bestem Wege sind, ebendiese für ein lächerlich kleines Stück vom Kuchen zu verkaufen. So leicht man über die Sehnsucht nach Authenzität und die Angst vor postmodernem Relativismus lächeln kann, so kalt erwischt sie einen, wenn eine so postmoderne Autorin wie Egan vor ihr nicht sicher ist.

Dies ist der Roman, den man 2012 gelesen haben sollte – auf Englisch klingt er übrigens (Überraschung!) um einiges spritziger: „A Visit From the Goon Squad“. Wer oder was ist „the Goon Squad“? Daran herum zu überlegen macht schon genug Spaß, um diesen Roman nicht mehr (nie mehr!) aus der Hand zu legen.

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