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Das Kammerspiel ist eine attraktive Form für Low-Budget-Produktionen, kann man doch, vorausgesetzt, man bekommt eine kompetente Crew und besonders talentierte Schauspieler_innen zusammen, einen Film produzieren, der als Blockbuster nicht entschieden anders aussehen würde. Dass die Form allein nicht zum Erfolg führt, hat La fille de nul part zwar bewiesen. Meine ersten beiden Filme des Samstags schlagen jedoch nicht die mystische, sondern die sozialrealistische Schiene ein und landen beide Volltreffer. Union Square meines neuen amerikanischen Indie-Vorbilds Nancy Savoca spielt mit dem Aufeinandertreffen verschiedener Klassen: Der mit etwa vierzig Jahren sich noch wie eine überdrehte Teenagerin aufführende Lucy aus der Bronx als Repräsentatin der Arbeiterklasse mit Bill, dem perfekten Upper-Class-Inhaber eines Organic Food Unternehmens in Manhattan. Dazwischen: Seine Verlobte und Lucys Schwester Jenny, die ihre Herkunft verleugnet, so ganz glücklich in ihrer neuen Rolle als Vorzeige-Öko und -Ehefrau doch nicht ist.

Lucy macht es sich in einer emotionalen Krise in ihrem naturstoffig-gestylten Appartment bequem und im Aufeinandertreffen der Klassen und Charaktere knallt es unterhaltsam und tiefgründig. Und Mira Sorvino, dieses Jahr Vorsitzende der all-female-Jury kann in der Rolle der Lucy so brillieren, wie sie es verdient. Sie ist DER Star des diesjährigen Festivals und einen wunderbareren wird man kaum finden.

Between Us, das zweite Kammerspiel ist eine Off-Brodway-Adaption nach Joe Hortua von ihm selbst und Dan Mirvish bearbeitet. Mirvish ist ein genialer Satiriker und charmantem Selbstdarsteller, der den moderierenden Hanno Balz komplett aus dem Konzept und auch in den USA alles durcheinander bringt: Als Gründer des Slamdance Festivals, der wernerherzogesken Konkurrenzveranstaltung zum Sundance, als Schriftsteller und natürlich als Regisseur. In der Konstellation der Aufeinandertreffens von zwei Pärchen in einem Appartment erinnert Between Us stark an die letzte große Theateradaption des Kinos, The God of Carnage. Daran kann sich das mit erheblich kleinerem Budget gedrehte Between Us durchaus messen. Julia Stiles bringt Glamour in den Film, die Aufnahmen sind von hoher Qualität und die Zeitsprünge machen Sinn und sehen gut aus. Wir bekommen den Niedergang einer Freundschaft zu sehen: Ein Treffen der zwei Paare, bei dem die Ehe des pragmatischen Pärchens, dass sich für Geld und gegen die prekäre Künstlerexistenz entschieden hat, völlig aus den Fugen geraten ist und nicht mal mehr ein Funke Höflichkeit zwischen den Partnern zu finden ist. Daneben sieht das knutschende idealistische zweite Pärchen sehr gut aus. Als Jahre später das pragmatische Pärchen aus der Provinz ins New Yorker Appartment des Fotografen und der Kellnerin kommt, sind die Rollen umgekehrt: Das pragmatische Pärchen hat zueinander gefunden, das idealistische Pärchen droht unter finanziellem und idealistischem Druck zu zerbrechen. Die Dialoge sitzen, allen vier Schauspieler_innen nimmt man ihre Rolle ohne Zweifel ab (übrigens sind Julia Stiles und Taye Diggs seit dem Dreh wirklich ein Paar) und daraus, dass beide Männer Fotografen sind, werden schöne Bilderspielereien kreiiert – großes Lob an die Cinematographin Nancy Schreiber. Das Publikum ist aus dem Häuschen, ich weiß nicht so recht ob mehr aufgrund des Films, in dem sich jeder ein wenig wiederfindet und dann doch sagen kann: Gottseidank ist meine Beziehung nicht so oder aufgrund des Charmeurs Dan Mirvish, der im Q&A alle Lacher auf seiner Seite hat.

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