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Um Gottes Willen, das soll der Gewinner von Locarno sein?! Nichts für ungut, Torsten Neumann, einen Locarno-Gewinner zu zeigen ist natürlich eine nette Sache, aber was hat sich die dortige Jury dabei gedacht? Ein älterer Herr in der VIP Lounge der Oldenburger Kulturetage dröhnt zurückgelehnt in sein Handy: „Also Kino ist einfach eine sterbende Kunst. Ich habe gerade den diesjährigen Gewinner von Locarno gesehen… naja, weitermachen“.

Selbst das ältere männliche Bildungsbürgertum, dass ich als einzige mögliche Zielgruppe für The Girl From Nowhere isoliere, scheint nicht so recht anzuspringen auf die müde Fantasie einer Liebe zwischen einem Siebzigjährigen französischen Großbürger, der sich für Literatur und das antike Griechenland interessiert und einer blonden 26-jährigen Frau ohne Geld, aber dafür mit paranormalen Wahrnehmungsfähigkeiten. Seit Weerasethakuls Uncle Boonmee sind Geister en vogue. Sie tauchen auch an den interessanteren Stellen des Filmes auf, der Rest ist ausgefüllt mit selbstgefälligen Monologen, in denen sich Regisseur und Hauptdarsteller Jean-Claude Brisseau beweist, dass er zum Kreis Pariser Intellektueller gehört und eigene Literaturtheorien aufstellen kann. Bravo, wie beeindruckend.

Immerhin geht der Tag weiter mit dem amüsanten Not In Tel Aviv von Nony Geffen, der etwas holprig, aber sympathisch das slackerige Lebensgefühl junger Israelis einfängt, der nette Noiserock tröstet über die Digitalästhetik, die hier einige Filme in der Projektion fast ungenießbar macht, hinweg. Technisch am ansprechendsten umgesetzt ist an diesem ersten Festivaltag Pursuit of Loneliness, ein dokumentarischer amerikanischer Independentfilm von Laurence Thrush, in dem anhand eines Todesfalls ohne Angehörige die Institutionen wie Krankenhaus und Sozialdienst sehr authentisch und mit eigenwilligem Erzählrhythmus dargestellt werden.

Meine Wahl für den Abendfilm war zwar unvermeidlich, aber so toll nun auch wieder nicht: Takeshi Kitanos neues Gangsterepos Outrage Beyond. Ein silbrig glänzender, kalter Polizei-und-Yakuza Film, viel Dialog und die üblichen kleinen aber feinen Gewaltausbrüche, die Kitano immer seltener überhaupt zeigen muss – der lässt sich eleganter über den Sound kommunizieren, so ein Mord. Das Geräusch eines Bohrers im Fleisch ruft genug Bilder im Kopf hervor, da braucht es weder Kamera noch Leinwand. Ist das der verdiente Tod der alt und müde gewordenen Filmkunst?

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