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Zusammen mit Noa Bressane, der Tochter des legendären brasilianischen Regisseurs Júlio Bressane, hat er eine Dokumentation über dessen Filmschaffen gedreht. «Belair» (2009) ist ein künstlerisches und politisches Statement geworden, das Bressane und seinen Partner Rogério Sganzerla wieder ins Bewusstsein der Kinoenthusiasten und -schaffenden gebracht hat. Mit Bruno Safadi unterhielt sich die Räuberin über die unwürdige Behandlung der explosiv-kreativen Produktionsfirma Belair, die Bressane und Sganzerla 1970 in Brasilien gründeten.

Räuberin: Warum ist die Produktionsfirma Belair vierzig Jahre nach ihrem Bestehen wichtig für dich und andere zeitgenössische Regisseur_innen?

Bruno Safadi: Für Filmschaffende von heute ist Belair wichtig, weil sie in erster Linie Filme machen wollen und zwar viele. Dabei ist Filmemachen eine sehr teure Kunst und eine schwierige und oft braucht man vier bis fünf Jahre, um einen Film zu realisieren. Belair nun ist eine Produktionsfirma gewesen, die nur drei Monate lang bestand, in dieser Zeit haben die beiden Regisseure Júlio Bressane und Rogério Sganzerla allerdings sieben abendfüllende Spielfilme gedreht. Das ist sehr inspirierend für alle jungen Menschen, die Kunst oder Film schaffen wollen. Ein zweiter Faktor ist der Inhalt der Filme, in denen man die Leidenschaft für das Kino und für das Leben spürt, außerdem werden die Filme von Musik, Philosophie und Malerei getragen. Die Vision von Brasilien, die dahinter steht, ist aus heutigem Blickwinkel auch faszinierend, da sie schon sehr globalisiert war. Neben brasilianischen Musikern wie Adoniran Barbosa, Luiz Gonzaga und Noel Rosa finden sich da auch Jimi Hendrix, Beatles und Rolling Stones. Das war damals neu in Brasilien und ist aus der Sicht der heutigen globalisierten Welt faszinierend.

Bruno Safadi und Noa Bressane beim Dreh

Das überraschendste ist die Zeit, in der Belair gegründet wurde – 1970, mitten in der härtesten Zeit der Militärdiktatur. Wie kam es dazu?

Belair gab es zwischen Februar und Mai 1970. Júlio Bressane und Rogério Sganzerla hatten um 1967-68 angefangen, Filme zu drehen. Bressanes erster Film war 1967 Cara à cara, Sganzerlas Debut war 1968 O bandido da luz vermelha, heute ein Klassiker des brasilianischen Kinos. Beide waren noch sehr jung als sie anfingen, gerade mal 22 Jahre alt. 1969 hat Rogério Sganzerla A mulher de todos gedreht, Júlio Bressane hat in dem Jahr zwei Filme gleichzeitig realisiert: O anjo nasceu und Matou a família e foi ao cinema. Sganzerlas Filme O bandido da luz vermelha und A mulher de todos wurden innerhalb dieser zwei Jahre von 13 Millionen Zuschauern gesehen, für damalige brasilianische Verhältnisse war das sehr sehr viel, ein unglaublicher Erfolg. Es wollte wirklich jeder diese Filme sehen. Bressane war auch sehr erfolgreich, besonders mit Matou a família e foi ao cinema. November 1969 fuhren beiden Regisseure zum damals wichtigsten Filmfestival in Brasília. Bressane hat O anja nasceu vorgestellt und Sganzerla A mulher de todos. Als Sganzerla O anjo nasceu sah, war ein hingerissen. Er meinte, es war der beste Film, den er je gesehen hatte. Also ging er zu Bressanes Hotelzimmer und sagte ihm: Dein Film war der beste, den ich je gesehen habe“. Bressane meinte darauf: „Und dein Film war der beste, den ich je gesehen habe, ohne dir jetzt schmeicheln zu wollen.“ Sie verbrachten eine Nacht damit, über diese zwei so verschiedenen Filme zu sprechen, bis die Filme am Ende zu ein und demselben wurden. Da beschlossen sie, sich zusammen zu tun und die Produktionsfirma Belair zu gründen.

In dieser Zeit befand sich Brasilien unter einer Militärdiktatur, die zwar schon seit 1964 an der Macht war, jedoch immer radikaler und strenger wurde. Künstlerische Freiheit wurde immer beschränkter. Und genau von 1969 zu 1970 wurde Embrafilme, die staatliche brasilianische Produktionsfirma ins Leben gerufen. Embrafilme war unter Kontrolle des Militärregimes und produzierte und distribuierte von nun an brasilianische Filme.

Die Generation der Filmemacher vor Belair waren die extrem erfolgreichen Regisseure des Cinema Novo wie Glauber Rocha, Joaquim Pedro de Andrade, Rui Guera, Cacá Diegues. Die unterstützen die Gründung von Embrafilme und Embrafilme unterstützte sie, weil sie im Ausland so berühmt waren, ihre Film Geld einbrachten und das gewünschte Bild von Brasilien transportierten. Bedingung für Regisseure war nun, sich auf bestimmte akzeptierte Themen zu beschränken. Nicht nur die Themen änderten sich so, sondern die gesamte wirtschaftliche Struktur des Filmemachens. Es gab hohe Budgets und «hohe Qualiät», aber dafür nur alle drei, vier Jahre einen Film.

Bressane und Sganzerla dagegen wollten als Jungspunde zügig einen Film nach dem anderen machen und sie wollten sich auch nicht der Diktatur unterwerfen, deswegen die Gründung von Belair. Allerdings war Belair nicht nur ein Projekt dieser beiden Regisseure, sondern der größte Filmverleiher ganz Brasiliens, Severiano Ribeiro, unterstützte sie. Severiano Ribeiro hatte ein Monopol auf den Verleih nordamerikanischer Filme in Brasilien – also ein Mann von ungeheurer Macht. Er hielt die Filme der beiden für die Zukunft des brasilianischen Kinos und wollte an ihnen verdienen. Er finanzierte die sieben Filme, die entstanden; eigentlich waren sogar zwanzig Filme geplant gewesen. Als er die Filme jedoch bei der staatlichen Kontrollstelle einreichte, wurden alle verboten. Nicht ein paar Szenen oder so, nein, die Filme als Ganze durften nirgendwo aufgeführt werden. Severiano Ribeiro hat den Regisseuren erklärt, dass er aus politischen Gründen nicht mehr mit ihnen zusammen arbeiten kann.

Bressanes Vater war General und tauchte eines Tages im Schnittraum auf, als sie den vorletzten Belair-Film schnitten. Er sagte Bressane, er solle zu Silvio Frotter, einem der wichtigsten Generäle damals, gehen und mit ihm reden. Die beiden gingen zu diesem General, der ihnen sagte, ihm liege ein Dossier vor, das besagt, sie machten Filme, die von einem subversiven Netzwerk unterstützt werden, einem terroristischen Netzwerk. Weiter sagt er, er schätze Bressanes Vater zwar sehr, aber er könne nicht für die Sicherheit der beiden garantieren. Er riet ihnen, so schnell wie möglich das Land zu verlassen. Mai 1970 gingen Sganzerla und Bressane zuerst nach Paris, wo sie die zwei letzten Belair-Filme Cuidado madame von Bressane und Sem essa aranha von Sganzerla, fertig stellten. Danach gingen beide nach London und Belair war ein frühes Ende beschert.

Die Schauspielerin Helena Ignez ist eine sehr interessante und dominante Figur für Belair. Was genau war ihre Rolle in der Produktionsfirma?

Helena Ignez kommt aus dem Nordosten Brasiliens, aus Bahia. 1958, mit sechzehn Jahren hat sie Glauber Rocha geheiratet, der damals auch noch sehr jung war, 17-18 Jahre alt und der noch keinen einzigen Film gemacht hatte. Sie gingen zusammen nach Rio de Janeiro und Glauber Rocha wurde zum weltweit bekannten Regisseur.

1963 haben sie sich getrennt und Helena Ignez kam mit Júlio Bressane zusammen, etwa von 1965 bis 1968. Dann hat Helena Ignez Rogério Sganzerla beim Dreh zu O bandido da luz vermelha kennen gelernt und die beiden haben geheiratet. Neben diesem Privatleben war sie eine ganz große Schauspielerin, vielleicht DIE brasilianische Schauspielerin der 60er Jahre. Sie war damals ein Star; sehr schön und wirklich eine sehr gute Schauspielerin. Sie, die damals schon im Mainstream-Kino etabliert war, hatte den Mut, auf all den Komfort zu verzichten und sich mit zwei Regisseuren zusammen zu tun, die sieben Jahre jünger waren als sie selbst. Sie war damals 29, 30 Jahre alt und die beiden erst 22, aber sie wollte mit ihnen Kino machen und dabei auch sich selbst neu erfinden. Sie wurde Protagonistin aller sieben Belair-Produktionen. Diese sieben Filme sind sehr libertär, sowohl vom Inhalt her als auch in der Form. Die Filme wurden in kürzester Zeit, meist einer Woche, gemacht: Während einer noch drehte, war der andere schon am editieren. Helena Ignez‘ Schauspiel ist in jedem der Filme völlig unterschiedlich und anders als alles, was bisher im brasilianischen Kino gemacht wurde, vielleicht sogar im Kino weltweit. Ihr Schauspiel war anarchisch, frei und erfinderisch. Vielleicht war sie DIE große Schauspielerin der brasilianischen Filmgeschichte. Die innovativste, radikalste und unabhängigste. Eine Schauspielerin, die sich nie auf einer Sache niedergelassen hat, das macht sie auch weltweit sehr wichtig. Auf diesen Filmfestivals habe ich die Faszination miterleben können, die sie auslöst. Beim Filmfest München habe ich eine Vorstellung von Belair zusammen mit einem der alten Filme, Copacabana mon amour gesehen. Als das Screening zu Ende war, kam sie nach vorne mit ihren 70 Jahren und die Leute saßen mit offenem Mündern da und hatten glänzende Augen, diese wunderschöne und einzigartige Frau zu sehen.

Helena Ignez

Was ist dann mit den Filmen passiert?

Die Filme waren komplett verboten. Nicht nur von der staatlichen Zensur, sondern von der ganzen brasilianischen kinematographischen Klasse, die diese Filme nicht akzeptierte. Es gab sehr viel Neid auf die Filme, bei Leuten, die alle fünf Jahre einen Film realisierten und die da diese jungen Regisseure sahen, die auf einen Schlag sieben spektakuläre Filme machten und mit ihren vorherigen Filmen schon ein sehr großes Publikum erreicht hatten. So waren die Filme mehr als verboten und das halt nicht vom Staat, sondern von Filmschaffenden, was das traurigste und gemeinste überhaupt ist. Sganzerla und Bressane dachten, die Filme seien jetzt für einen Moment verboten, dass in ein paar Monaten bestimmt alles vorbei sei, aber es ging nicht vorbei.

Und im Ausland, haben sie dort versucht, die Filme zu zeigen?

Als sie nach Paris gingen ja, da wollten sie mit Belair weiter machen. Sie fanden einen Produzenten namens Claudes Antoine, der hatte schon Glauber Rochas O dragão da maldade contra o santo guerreiro produziert, der in Cannes den Preis für die beste Regie gewonnen hatte und heute ein Klassiker des Weltkinos ist. Claudes Antoine wollte ihre Filme kaufen, um sie in Europa rauszubringen. Aber als sie sich alle schließlich zur Vertragsunterzeichnung trafen, sagte Claudes Antoine, er könne mit ihnen keine Geschäfte mehr machen, da er die Interessen des Cinema Novo vertrete und die beiden nicht zu dieser Gruppierung gehörten.

Inzwischen sind in Brasilien alle Briefe von Glauber Rocha in Buchform erschienen und da kann man bei den Briefen von 1970 nachlesen, dass er Bressane und Sganzerla diffamierte, dass er jeden einzelnen Festivaldirektor in Europa deswegen angeschrieben hat. Er schrieb ihnen, die beiden seien vom CIA und ihre Filme sollten nicht gezeigt werden. Die Regisseure konnten sich 20 Jahre lang nicht von dieser Diffamierung erholen.

Von den 9 oder 10 Spielfilmen, die Bressane in den 70ern gedreht hat, wurde nicht einer in Brasilien vertrieben. Keiner seiner Filme wurde in dieser Zeit auf Filmfestivals gezeigt, auch nicht in Europa. Erst in den 90ern wurden wieder Filme von ihm außerhalb Brasiliens gezeigt.

Seine ersten drei Filme, vor Belair, wurden noch auf den größten europäischen Festivals gezeigt, u.a. in Cannes, danach plötzlich kein einziger mehr, auf keinem einzigen Festival. Durch einen sehr starken inneren Antrieb hat er es irgendwie geschafft, weiterhin Filme zu drehen, obwohl sie nirgendwo gezeigt wurden. Bei Rogério Sganzerla war es anders; nach sieben Filmen in den drei ersten Jahren seiner Karriere hat er die restlichen dreißig Jahre nur vier weitere Filme realisiert, bis er 2004 starb.

Deine Doku über Belair kann eine große Auswirkung über die Geschichtsschreibung ausüben. Geht es dir darum, diese Retrospektive zu ändern?

Ja schon, aber jetzt nach 40 Jahren ist es nicht mehr wichtig, Schuldige auszumachen. Die Streitereien waren eine Angelegenheit der damaligen Zeit, was bleiben soll, ist das Kino. Sie hatten Schuld, ja, sie haben sich mit einer Militärdiktatur eingelassen, ja, sie haben diese jungen Regisseure auf brutale Art und Weise bestraft, ja, sie haben noch heute eine so große Schuld, dass sie versuchen, sich anzunähern und das Unabänderliche versuchen, zu verändern. Sie haben auf jeden Fall eine Generation zerstört. Mit Bressane und Sganzerla trat eine ganz neue Generation hervor – die zwei waren nur die Spitze dieser Generation und dadurch, dass sie hervorragend waren, haben sie überlebt, während eine gesamte Generation gestorben ist, die heute niemand mehr kennt. Sie waren so gut, dass es unmöglich war, ihre Filme nicht irgendwann anzuerkennen. Belair allerdings ist unbekannt geblieben, bis meine Generation, also die, die in den 2000er Jahren ihre ersten Filme gemacht haben, angefangen hat, sich für diese Produktionen zu interessieren und nach ihnen zu suchen.

Ich kann mich darin als Zentrum bezeichnen, da ich im Jahr 2000 mit 19 Jahren als Assisstent bei Júlio Bressane angefangen habe zu arbeiten. Ich kannte damals schon die ersten Filme von Bressane und Sganzerla und liebte sie über alles und wollte nun auch die Filme von Belair sehen, von denen Júlio mir erzählte. Ich habe angefangen, nach den Filmen zu suchen, die damals in der Kinemathek von Rio de Janeiro waren, allerdings darin verloren. Das war, bevor das Archiv digitalisiert wurde. Acht Monate lang ging ich jeden Freitag mit Rogério in die Kinemathek und wir haben gesucht. Am Ende des Jahres haben wir die Filme gefunden. Es war der 30. Geburtstag von Belair und wir haben Screenings organisiert, die ein großer Erfolg wurden. Ein paar Jahre später dann entschieden wir uns, den Film zu machen. Zuerst hatte Rosa, die Frau von Júlio, die Idee dazu. Sie hatte ihre Tochter Noa Bressane engagiert, den Film zu machen und mich dann auch, weil ich schon Filmerfahrung hatte, schon gedreht hatte.

Wir haben finanzielle Unterstützung von Petrobras, dem größten Filmförderer in Brasilien bekommen und haben unsere Recherche begonnen. Dabei war das interessanteste, dass wir überhaupt kein Material ab 1970 fanden. Bis dahin fanden sich viele Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, ab 1970 gibt es keine einzige Meldung mehr. Da begann die große Stille, die zwanzig Jahre dauern sollte.

Du als enger Mitarbeiter, wie erlebst du Júlio Bressanes Umgang mit dieser traurigen Geschichte?

Bressane ist wie ein zweiter Vater für mich und er war von Anfang an mit allem Enthusiasmus für den Belair-Film dabei. Er war der erste, der meinte, der Film würde ein Erfolg werden und ich sollte mich vorbereiten, damit um die ganze Welt zu reisen, um ihn auf Filmfestivals zu zeigen. Er meint immer, er wünschte, Rogério wäre noch am Leben, um all das mitzuerleben. Für die beiden war die Zeit mit Belair der große Moment ihres Lebens und es war ungemein frustrierend, dass niemand diesen Moment je gesehen hatte. Einen Film zu machen, ist schon schwierig. Aber drei Filme in drei Monaten zu machen, ist etwas sehr sehr seltenes und sie haben das geschafft, aber ohne dass diese Filme je gemocht wurden oder nicht, ohne dass sie bewundert wurden oder nicht – sie liefen einfach nirgendwo. Das hat viel Frust und Trauer für viele Jahre verursacht. Es waren nicht Monate, sondern Jahre, dreißig, fast vierzig Jahre. Und Rogério hat diese Anerkennung nicht mehr erleben können.

Júlio ist sehr glücklich über die Veränderung und ich denke, es kann sich sogar noch mehr ändern. Denn bis heute muss er mit vielen Schwierigkeiten kämpfen und sogar Rogério, nach seinem Tod, wird noch nicht ganz anerkannt. Man kann sich nicht mit einem Sieb vor der Sonne schützen, wie wir in Brasilien sagen; also werden die beiden inzwischen schon anerkannt, auch von der Klasse des Cinema Novo, die in Brasilien immer noch mächtig ist. Trotzdem ist es für sie nach wie vor schwierig, Filmprojekte zu realisieren. Rogério ist schon gestorben, aber Helena und ihre gemeinsame Tochter Sinaifide versuchen seit fünf Jahren, Filme von Rogério bei Petrobras zur Restauration einzureichen, aber seit fünf Jahren werden ihre Anträge abgelehnt, bis heute, erst letztes Jahr wieder. Júlio geht es ähnlich: Den Film, den er machen will, bekommt er nicht finanziert. Und dass, obwohl seine letzten Filme alle in Venedig, Cannes und Rotterdam gezeigt wurden und er als einer der größten weltweiten Autorenfilmer angesehen wird. Er kann in Brasilien keine Filme machen, das ist unglaublich. Ich hoffe, dass ihm Belair in Europa Türen öffnet; schon weil Brasilien in dieser Hinsicht noch unterentwickelt ist: In Brasilien folgt man der Meinung anderer Länder. Die brasilianischen Meinungsführer schauen noch nach Frankreich, Deutschland und Spanien.

Durch die Doku Belair werden sicherlich viele neugierig auf die Originalfilme. Plant ihr schon etwas in der Richtung, sie auf DVD rauszubringen?

Schon, allerdings ist es wie gesagt in Brasilien schwierig, daher bräuchten wir jemanden in Europa, der sich bereit erkärt, die Filme rauszubringen.

Nicht mal Petrobras?

Nein, also es gibt ja noch andere Organe wie das Ministerium für Kultur, die nationale Entwicklungsbank BNDS, aber die sind alle sehr staatlich, da ist Petrobras noch die unabhängigste. Vor allem unabhängiger als BNDS und Ancine, die Organisation, die die Kinoproduktion in Brasilien reguliert.

Dadurch tut sich momentan eine Kluft im brasilianischen Filmgeschäft auf: zwischen dem offiziellen, geförderten Kino und Kunst-Kino. Die Filmfestivals in Lateinamerika und Europa kehren dem offiziellen Kino immer mehr den Rücken zu. Durch die neuen Technologien, besonders das Internet haben immer mehr Menschen auf der Welt Zugang zu diesem künstlerischen Kino, das vorher nicht über die Nationalgrenzen hinaus gelangte. Heute braucht man keine offiziellen Agenturen mehr zur Vermittlung. Die Festivals umarmen also die neue Generation der Independent-Regisseure in Brasilien, deren Idole eben Bressane und Sganzerla sind. Deswegen hoffe ich, das Belair kein Schlusswort wird, sondern ein Anfang.

Was sind deine nächsten Projekte?

Sobald ich zurück in Brasilien bin, setze ich mich an den Film Eden. Das ist ein Spielfilm über Evangelikale in Brasilien. Die Frage der Evangelikalen Kirchen wird in Brasilien sehr polemisch diskutiert und ist sehr vorurteilsbehaftet in der Mittelschicht und in der Oberschicht. Aber die evangelikalen Kirchen sind nun einmal Phänomen in Brasilien, wir haben inzwischen 30 Millionen Evangelikale und die Kirchen unterscheiden sich stark von den protestantischen Kirchen in Europa und den USA. Diese Kirchen sind einzigartig und haben inzwischen große Macht, ohne dass man sich in Brasilien wirklich mit ihnen beschäftigen will. Der Spielfilm geht um eine Frau, die zum Evangelismus konvertiert.

Bruno Safadi

Außerdem arbeite ich an noch zwei Projekten. Ein Film spielt zwischen 1989 und 1994, einer weiteren düsteren Epoche Brasiliens, mit der sich niemand beschäftigen will. Das ist die Amtszeit des Präsidenten Color de Melo gewesen, über die ich eine surrealistische Komödie machen werde. Das andere Projekt besteht darin, mit anderen Regisseuren zusammen eine Art neues Belair zu gründen oder eine Art Dziga Vertov Gruppe wie Godard, also um eine Serie von Filmen zu produzieren. Diese Gruppe soll Bressane Sganzerla heißen. Es machen mit Felipe Braganza, der dieses Jahr seinen Film Alegria in Cannes gezeigt hat und Ricardo Pretti, der mit noch drei anderen Regisseuren Estrada para Ythaca gemacht hat. Die beiden sind sehr interessante Filmemacher, die auf der Suche nach einem erfinderischen Kino sind, nach einem Kino, das sich von den politischen und staatlichen Ketten befreit. Wir wollen im Kollektiv ein neues Belair, eine neue Dziga Vertov Gruppe schaffen und sechs oder sieben Filme in kürzester Zeit drehen, so innerhalb eines Jahres.

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