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Sonntag, 1. August in Wroclaw. Die Stadt leert sich, die Melancholie des Abschieds von einem nicht nur kuratorisch herausragenden Festival setzt ein. Wer würde nicht noch gerne ein paar Tage weiter drei Filme täglich schauen, zum Ausgleich Nackenübungen machen, in günstigen Kantinen wohlig sättigendes polnisches Essen bestellen und abends auf Konzerten im Arsenal abtanzen?

Wer noch da ist, sitzt in Tetro, dem neuen Francis Ford Coppola. Wieder einer dieser Mammutfilme, die mit ihrer Überlänge in den letzten Jahren vermehrt die Kinokartenpreise in die Höhe treiben. Bisher hatte auf dem Festival keiner der überlangen Filme gelangweilt: Weder Café Noir (Jung Sung-Il, 2009) mit seinem unwiderstehlichen Charme  zwischen Noir und Nouvelle Vague, an dem sich wohl die wenigsten Kinofreund_innen satt sehen können, noch La Princesse de Montpensier (Bertand Tavernier, 2010) mit seinen komplexen Charakteren, die außerdem herrlich verführerisch daherkommen. Und natürlich auch nicht Kubrick-Klassiker Barry Lyndon (1975), der mit campy Humor die eigene Voraussehbarkeit überspielt. Dergleichen Gutmacher sucht das müde Auge nach 10 Festivaltagen im Abschlussfilm Tetro vergeblich. Versuchen tut’s der Coppola mit der Noir- bis Nouvelle Vague-Ästhetik, aber es geht ihm einfach nicht leicht von der Hand. Amerikanische Behäbigkeit und Redundanz auf ganzer Länge.

Da kann er sich so nette Schmankerl wie das argentinische Setting oder Rückblenden in Farbe, während die Gegenwart in schwarz/weiß dargestellt wird, einfallen lassen – von der arg an den Haaren herbei gezogenen Story lenkt das höchstens für einen Moment in 127 Filmminuten ab. Bennie (Alden Ehrenreich, der wie ein 15-jähriger Leonardo DiCaprio aussieht) kommt aus New York nach Buenos Aires, um seinen Bruder Tetro (Vincent Gallo, durch durchgängig selbstmitleidige Schnute auch nicht sexy)  aufzusuchen. Der hatte nämlich, als er sich nach Buenos Aires abgesetzt hatte, seinem kleinen Bruder versprochen, ihn später nachzuholen. Um dieses Versprechen einzufordern, kommt nun Bennie. Er wird widerwillig von Tetro aufgenommen, seine Freundin kümmert sich als perfekt sorgende und immer verständnisvolle Latina um den kleinen Naivling, wie sie sich auch um Tetro kümmert, der sich in seiner schlechten Laune von ihr umhätscheln lässt.

Zu den unerträglich steretypen Rollen kommt dann das Pathos um die verlorene Künstlerkarriere von Tetro, die Unterdrückung durch den Überpatriarchen, den Vater der Brüder. Dazu die Schuld, die Tetro auf sich geladen hat, indem er den Verkehrsunfall verursachte, in dem seine Mutter umkam. Wie beim Eröffnungsfilm Enter The Void nun also wieder dieses Unfall-Motiv. Gibt es keine anderen Tragödien mehr auf dieser Welt? Sind es wirklich diese befahrenen Straßen, die Menschen in den Abgrund stürzen? Niemand schuld außer diesen anonymen Lichtern an Blechkisten?

Anocha Suwichakornpongs Mundane History, Gewinnerfilm des ENH-Wettbewerbs ist da geschickter vorgegangen. Der Protagonist wurde durch einen Gewehrschuss verletzt, mehr wird nicht preisgegeben. Zuschauer_innen können beobachten, wie Vater und verletzter Sohn leben, wie ihre Angestellten leben, können sich an die letzten Nachrichten aus Thailand erinnern und sich ihren Teil denken. So ist der Film ansprechend und fast träumerisch in der Bildsprache, aufgeladen mit Symbolen, ohne politische Agitation auch nur zu streifen.

Doch zurück zu Tetro. Nach einer Anstauung von Motiven, die immer und immer wieder erklärt werden, beginnt die Entwirrung, die ebenso schleppend daherkommt und die Schlusspointe, dass Tetro eigentlich Bennies Vater ist riecht irgendwie nach Ätschibätsch-Tatort-Auflösung. Coppolas Unwillen, Filme jemals enden zu lassen, hat sich schon 1992 in Dracula auf wenig brilliante Art und weise Bahn gebrochen, aber das hier ist wirklich Unterdrückung. Einer der wohl ermüdensten und unnötigsten Ödipusumschreibungen der Filmgeschichte. Es gibt keine, aber auch wirklich keine Message, die man mit nach Hause nehmen könnte, außer vielleicht dass Patriarchen gerecht sein sollten, da sie sonst ihre Söhne verstören. Oder so. Ach ja, und Vorsicht im Straßenverkehr.

Dies war jedoch nur der Abschlussfilm, die Abschlussveranstaltung war die Oper The Book of Disquiet von Michel von der Aa. Basierend auf dem Livro do desassossego vom großen Fernando Pesssoa. Aufmerksame Blogleser_innen wissen von meiner Leidenschaft für die portugiesische Sprache und meiner damit einhergehenden Voreingenommenheit. Und dieses Buch nun ist nochmal ein ganz besonderer Euphorie-Fall, die lusitanische Bibel der Moderne, in der dieser Schelm Fernando Pessoa schon in den 1930ern den Bruch mit der Romanstruktur auf hervorragende, wenn auch schmerzhafte Art und Weise vor- und durchgemacht hat. An diesen Stoff wagt sich nun Michel von der Aa, höchst renommierter Komponist zeitgenössischer Opern und, wie von den Organistor_innen hervor gehoben wird,  früherer Filmstudent. Tatsächlich spielen die kreisförmigen Leinwände die Hauptrolle auf der Bühne der schnuckeligen barocken wroclawer Oper. Über sie sehen wir die portugiesische Sängerin Ana Moura Büffel treiben und zugleich zurückgenommen und eindringlich singen. Klaus Maria Brandauer ist nun auch kein Unbekannter; er ist der einzige live agierende Schauspieler in der Rolle des Ich-Erzählers und Pessoas Autor-Alter-Ego Bernardo Soares. Null Pathos, konzentriertes Zusammenspiel, jede Bewegung überlegt und dosiert – eine ruhige Inszenierung, die dem Era New Horizons einen würdigen Schlusspunkt setzt.

Denn es war ein tolles Filmfestival, mal ehrlich. Die Filmauswahl war exzellent, die Organisation übersichtlich, das Timing vernünftig, die Locations gut erreichbar, das Rahmenprogramm abwechslungsreich und anspruchsvoll und Wroclaw genau die richtige Stadt für all das.

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Ein Kommentar zu “ENH: Der Kreis schließt sich

  1. Pingback: Weg zum Trailer, Weg nach Ithaka « Räuberhöhle

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