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Charulata – Die einsame Frau

1965 hat Satyajit Ray den Silbernen Bären für die beste Regie bekommen, hach, sowas von verdient.  Die Geschichte einer unterforderten Frau Ende des 19. Jahrhunderts in Indien. Ihr Mann ist Zeitungsherausgeber und hat keine Zeit für sie, sie langweilt sich trotz ihrer pflichtbewussten Versuche, sich mit Stickerei die Zeit wie eine vorbildliche Ehefrau zu vertreiben.  Die Szenen der Langeweile, die höchstens mit Eiscreme oder Schaukeln oder Schlafen ertragen werden kann, sind so rührend kindlich. Überhaupt haben die Figuren unschuldige Kinderherzen, man möchte am liebsten neben ihnen einen Mittagsschlaf halten oder mit Charu, der einsamen Frau, einen Ausflug in die umliegenden Gassen unternehmen, die sie nur durch ihr immer griffbereites Fernrohr beobachtet. Charus Mann ist dabei kein Unmensch; er merkt, dass seine Frau Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben verspürt und will sie ermuntern, ihr poetisches Talent zu entwickeln.

Das hat alles nicht im entferntesten etwas mit Bollywood zu tun, schon gar nicht die schüchterne Liebesgeschichte, die sich zwischen Charu und dem Bruder ihres Mannes entspannt, der sie zum Schreiben provoziert, in dem er selbst etwas schmalzige Gedichte vorlegt. Charu steigt ein und veröffentlicht einen Text, der hoch gelobt wird. Danach bringen Intrigen das fragile Miteinander im Haus auseinander, zwei melancholische Eheleute bleiben: Die einsame Frau und der sich nun auch seiner Einsamkeit bewusste Mann. Das Bild von beiden, wie sie müde ihre Hände nacheinander ausstrecken, gefriert zur letzten Einstellung, wunderschön beklemmend.

WAGs

ist doch tatsächlich die Abkürzung für Wives and Girlfriends, und zwar von Fußballprofis. Der nächste unerwartete Fakt ist, dass es sich nicht um eine Doku über grell geschmickte Blondinen, die von weitem mit ihren Einkaufstüten winken handelt, sondern um einen kleinen wunderbar leise und doch bestimmt daherkommenden Spielfilm. Angenehme 40 Minuten lang passt er genau zur abnehmenden Aufmerksamkeitsspanne nach zehn Tagen und zwanzig Filmen. Nachdem am Vortag die Sektion Perspektive schon mit Porträts deutscher Alkoholiker ihre Stärke demonstriert hatte, zementiert sich dieser Eindruck mit WAGs, einer Produktion von Evi Goldbrunner und Joachim Dollhopf von der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“.

Wir lernen Dina und Judith kennen, zwei sehr verschiedene Charaktere, die beide neu in Berlin angekommen sind, da ihre Männer beim Hertha BSC unter Vertrag sind. Dina ist bereits Ende zwanzig und in ihrer Heimat Bulgarien eine Art Victoria Beckham, für Judith dagegen ist die Situation, ihr Leben nach ihrem Freund auszurichten, noch  neu. Dina nähert sich ihr sofort fast aufdringlich an, nach einem Schreckmoment beschließt Judith, sich von dieser selbstsicheren Diva nicht einschüchtern zu lassen und so entwickelt sich in kürzester Zeit eine sehr intime Freundschaft. Ich traue meinen Augen kaum, als es da zwischen den Spielerfrauen erotisch zu knistern beginnt: schweigend und konzentriert nimmt Judith an Dina Maß, um ihr ein Kleid zu schneidern. Sie trauen sich zusammen zum Bungeejumping und fliegen in der reinen Harmonie ehrlich Liebender zusammen lachend über Berlin. Die Männer kommen nur am Rande vor, als nichtsahnende Muskelschränke, die nichts zu erzählen haben und seltsam fremd wirken in den Wohnungen, die den ganzen Tag über nur von ihren Frauen belebt werden.

Dina nun will Judith dazu bringen, nicht den gleichen Fehler zu begehen, den sie selbst beging; sich in die Abhängigkeit zu begeben: „Dafür bist du viel zu schön und zu klug“. Judith leidet unter dem ausgeübten Druck, versteht aber, was die Freundin ihr sagen will.

Die zwei Frauen brechen allerdings nicht aus, außer ab und zu mit einer trotzigen Shopping-Tour – nach dem Motto: Wenn wir uns schon selbst aufgeben, dann wollen wir auch was haben vom Reichtum unserer Männer. Eine gute, brave WAG zu sein, das ist doch kein Lebensziel! Die Zeiten der Charulatas sind vorbei.

Und so retten sich die beiden gegenseitig im Kleinen, ihre letzte innige Umarmung ist herzzerreißend und doch tröstend: Judith lässt ihren Freund dafür minutenlang warten und Dina ist auf dem Weg in ihre Heimat, die sie schon seit vielen Jahren vermisst. Ich für meinen Teil habe mich Hals über Kopf in die großen Augen von Dina, dargestellt von Vesela Kazakova, verliebt, in denen genug Platz für Melancholie, Trotz und Zärtlichkeit zugleich ist. So schwebe ich mit einem Glücksgrinsen im Gesicht aus dem Kino und renne in die Darstellerin von Judith, Sonja Gerhardt, woraufhin ich noch debiler grinsen muss und die Arme nicht weiß, wie sie reagieren soll.

Das war die rührende Abschiedsumarmung von einem Festival, das es einem nicht immer leicht gemacht hat. Der Wettbewerb kam sehr willkürlich rüber, vom Forum war ich ob seiner Nostalgie enttäuscht.  Ein paar Perlen waren zweifellos dabei, aber bevor ich groß aushole und womöglich meinen Favoriten preisgebe, hier ein Link auf eine ausführlichere Kritik, die mir gefallen hat.

Ach und übrigens: Mein Favorit – Retrospektive ausgeklammert – ist Moloch Tropical.

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