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New York Memories

Dieser Film gehört eigetntlich direkt neben Alle meine Stehaufmädchen. Rosa von Praunheims Konzept ist fast identisch mit dem Lothar Lamberts: Er besucht zwei Frauen, die er bereits in seinem 1988er-Film Überleben in New York porträtiert hatte. Dazu kommen diesmal zwei Schwestern, deren Familie nach New York gezogen ist, als sie noch Kinder waren und der frühere Kameramann, der über sein Kind spricht, dass sich bereits mit 12 Jahren als Transgender definierte. Die Ästhetik ist ausgefeilter als bei Alle meine Stehaufmädchen, es werden Szenen aus Überleben in New York eingespielt, Leute auf der Straße zur aktuellen Situation in New York interviewt, der Wahlkampf um das Bürgermeisteramt wird mitverfolgt. Ein politischer Film also. Rosa von Praunheim erklärt: New York sei immer die Stadt gewesen, in der er die verrücktesten Leute getroffen hat, in der alles unsicher aber auch unglaublich kreativ war. Seit Bürgermeister Giuliano Ende der 90er komplett „aufgeräumt“ hat, sei die Stadt zwar sicherer, aber nicht weniger arm – allein Manhattan sei zur isolierten Insel für Reiche geworden. So loten auch die Dargestellten die Vor- und Nachteile der Stadt aus und kommen doch am Ende zu dem Schluss: All die Schwierigkeiten und Unsicherheiten in der Metropole geben doch einen Kick, eine Motivation, die Energie ist weiterhin da, das pusierende Leben…

Neben dem engagierten Konzept war vor allem das Drumherum interessant: Im International-Kino aufgeführt, dessen DDR-Architektur einfach nur verzückend ist, spielte schon am Einlass eine kleine Band, die Rosas Roaring Rascals. Als Vorfilm kam ein Kurzfilm von Ira Sachs in Erinnerung an verstorbene AIDS-Aktivisten aus New York. Fast alle Dargestellten waren da, vor allem die beiden jungen Schwestern lustig aufgebrezelt und Rosa in knallrotem Hut. Er erzählt von dem jungen Mann, der ihn eines Tages anrief und sagte, er sei in ihn verliebt. Sie haben sich getroffen, ja, es lief mehr, und dieser junge Mann wollte unbedingt mal nach New York. Und so sei Rosa von Praunheim doch wieder zurückgekehrt, in diese Stadt, die er schon abgeschrieben hatte. Eine originelle Vorgeschichte für eine sehr unterhaltsame und kluge Doku.

El vuelco del cangrejo – Crab Trap

So, Tag 3 ist aber wirklich höchste Zeit, mal nach Lateinamerika zu schauen. Nach Kolumbien geht es, La Barra, ein Dorf am Pazifik, fast ausschließlich bevölkert von Afrokolumbianern. Oscar Ruíz Navia hat für seinen Debutfilm ordentlich Förderung bekommen, selbst aus Frankreich. Kein Wunder, die Story hört sich sofort spannend und unterstützenswert an: Ein junger Mann auf der Flucht, sucht ein Boot in diesem gottvergessenen Dorf. Doch alle Fischer sind auf dem Meer auf Krabbenjagd und der weiße Städter hat Zeit, sich ins Leben der seit Generationen dort lebenden Afrokolumbianer einzufinden. Ein anderer Weißer war schon vor ihm da, er hat sich den Strand genommen, als gehörte er ihm, da die Bewohner kein eingetragenes Landeigentum hatten. Er will ein Hotel aufbauen. Macht jede Nacht Raggaeton an, der die alten Bewohner krank macht.

Die Einstellungen sind lang und intensiv, die Laiendarsteller aus dem Dorf, in dem tatsächlich dieser kleine Stellvertreterkampf zwischen Tradition und Kommerzialisierung herrscht, spielen hervorragend. Das kleine kluge Mädchen, das den Flüchtenden mit seiner alleinerziehenden Mutter verkuppeln will, die fuseltrinkenden Dorfjugendlichen, der alte traditionsbewusste Wirt… man meint sie wirklich zu kennen am Ende des Films.

Der wortkarge Flüchtling sammelt Müll vom Strand auf als Bezahlung für seine Unterkunft. Er hat gleich begriffen, dass hier nichts aufgebaut werden muss, sondern gepflegt werden will. Und die Dorfbewohner haben begriffen, dass sie sich wehren müssen. Gegen Reggaeton, Zäune, Landraub… wofür gibt es Macheten? Los geht’s!

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